#67: Mehr Output, weniger Wirkung: Warum die eigentliche Knappheit im KI-Zeitalter nicht die Produktion ist, sondern die Entscheidung, was man weglässt. Mit Alina Hensel (TÜV NORD)

In dieser Folge spricht Host Christian Ehlers mit Alina Hensel, Marketingmanagerin Strategy für die Business Unit People & Empowerment bei TÜV NORD, darüber, warum KI Marketing-Teams gleichzeitig leistungsfähiger und überlasteter macht, wie Fokus und Stop-Doing-Listen im Alltag wirklich helfen und warum Resilienz zur wichtigsten Future Skill wird.

Viele Marketing-Teams erleben gerade das Gegenteil von dem, was KI versprochen hat: mehr Tempo, aber nicht automatisch mehr Wirkung. Alina Hensel bringt es auf den Punkt: Teams sind mit KI nie leistungsfähiger gewesen und gleichzeitig nie überlasteter. Den Aufwand rund um die KI selbst unterschätzen viele: Kompetenzen aufbauen, Tools testen, neue Anforderungen wie Sichtbarkeit in KI-Suchsystemen erfüllen. Gleichzeitig wächst die Content-Menge massiv, ohne dass die Aufmerksamkeit der Zielgruppen mitwächst.

Alina Hensel steuert die Marketingstrategie für die Business Unit People & Empowerment bei TÜV NORD. Im Gespräch erklärt sie, warum Qualität vor Quantität geht und wie eine Stop-Doing-Liste beim Fokussieren hilft. Außerdem: was das Spiel Delegationspoker über Empowerment zeigt und was sich vom Konzern auf mittelständische Unternehmen übertragen lässt, und was eben nicht.

Darum geht es in der Folge:

  • Warum KI Marketing-Teams gleichzeitig leistungsfähiger und überlasteter macht
  • Mehr Content, aber nicht mehr Wirkung: Warum Aufmerksamkeit der knappe Faktor bleibt
  • Reaktionsmodus erkennen: Welche Entscheidungen als Erstes leiden
  • Die eine Frage, die beim Priorisieren wirklich weiterhilft
  • Fokus und Empowerment: Was Delegationspoker über Entscheidungsspielräume zeigt
  • Resilienz als Future Skill: Wie Teams unter dauerndem Wandel handlungsfähig bleiben
  • Was sich vom Konzern auf den Mittelstand übertragen lässt und was nicht

In diesem Podcast...

Alina Lucretia Hensel
Marketingmanagerin Strategy für die Business Unit People & Empowerment bei TÜV NORD

Alina Hensel ist Marketingmanagerin Strategy für die Business Unit People & Empowerment bei der TÜV NORD Akademie. Seit 2019 ist sie im Unternehmen, zunächst als Junior Content Marketing Managerin, dann als Content Marketing Managerin. 2026 hat sie ihren Master in Wirtschaftspsychologie an der FOM Hochschule abgeschlossen, mit einer Abschlussarbeit zum Zusammenhang von Lernen und Arbeitsbelastung. Seit Mai 2026 ist sie zusätzlich als Somatic Resilience Coach und Yogalehrerin selbstständig und begleitet Menschen dabei, Stressregulation und Resilienz in ihren Alltag zu integrieren.

Transkript

 

[Christian Ehlers] (0:00 - 1:05)
Willkommen zu einer neuen Folge unseres Digit.ly-Podcasts. Heute begrüße ich Alina Hensel. Sie ist Marketingmanagerin Strategy bei der Business Unit People & Empowerment bei TÜV Nord und hat ganz nebenbei 2026 ihr Masterstudium in Wirtschaftspsychologie abgeschlossen.

B2B-Marketing Rules. Wir sprechen über Digitalmarketing, Vertrieb und die besonderen Herausforderungen in B2B-Unternehmen. Dabei lassen sich unsere Expertinnen und Gäste in die Karten schauen und geben Einblicke in die B2B-Marketing-Praxis.

Dieser Podcast wird präsentiert von Digit.ly, der B2B-Digitalagentur. B2B-Marketing Rules. Alina, herzlich willkommen.

Vielen Dank für die Einladung. Unser Thema heute ist ja mehr Output, weniger Wirkung. Und so unter der Headline, warum die eigentliche Knappheit nach KI nicht die Produktion ist, sondern die Entscheidung, was man weglässt.

Du steuerst ja die Marketingstrategie für die Business Unit People & Empowerment bei TÜV Nord. Was hat sich in deinem Team wirklich verändert, seit KI bei euch im Arbeitsalltag angekommen ist?

[Alina Lucretia Hensel] (1:05 - 1:50)
Man merkt ganz klar, dass sich die Arbeitsergebnisse in ihrer Qualität und Geschwindigkeit verändert haben. Es ist vor allen Dingen möglich, in weniger Zeit bessere Ergebnisse zu erzielen. Und ganz besonders dann, wenn sich auch die KI-Kompetenz der Mitarbeitenden verändert bzw.

verbessert. Ich würde vor allen Dingen sagen, dass die 80-Prozent-Lösungen sehr viel schneller erreicht sind mit KI und Mitarbeitende dadurch mehr Zeit haben, um die letzten 20 Prozent noch umzusetzen. Das heißt im Prinzip, dass man sich deutlich Zeit sparen kann durch den Einsatz von KI.

Gleichzeitig halte ich es für einen Trugschluss, dass Marketing-Teams insgesamt viel Zeit sparen. Ich würde sogar behaupten, dass sie nie leistungsfähiger und überlasteter zugleich sind.

[Christian Ehlers] (1:51 - 1:52)
Woran machst du das konkret fest?

[Alina Lucretia Hensel] (1:52 - 4:01)
An den zeitlichen Ressourcen, die es auch benötigt, um KI umzusetzen. Das heißt, Mitarbeitende müssen zum einen KI-Kompetenz aufbauen, zum anderen unterschiedliche KI-Tools testen und dann auch neue Anforderungen, die durch die KI-Entwicklung erforderlich sind, wie zum Beispiel Large-Language-Model-Optimization umsetzen. Beim Thema KI-Kompetenz ist es so, dass die Mitarbeiter parallel zum Tagesgeschäft neue Fähigkeiten entwickeln müssen und dieser Prozess ist niemals abgeschlossen.

Also es ist ein laufender Prozess, weil sich die Tools und Modelle in sehr kurzen Zyklen immer weiter entwickeln und Mitarbeiter sich nicht einmalig diese Fähigkeiten aneignen, sondern immer wieder, um up-to-date zu bleiben. Der zweite Punkt, sie müssen unterschiedliche KI-Tools testen. Da ist es so, dass die Tool-Landschaft sehr viel schneller wächst, als die meisten Teams in der Lage sind, diese zu überblicken und auch die Tools zu evaluieren.

Die meisten Tools klingen immer sehr vielversprechend, finde ich. Man muss dann aber im Testing genau gucken, was macht das Tool und wie passt es auch in die bestehende Tool-Landschaft, weil es oft auch so ist, dass sich bestimmte Tools in ihren Funktionalitäten überschneiden und man da für sich selbst eine sinnvolle System-Landschaft aufbauen darf. Dann ist es so, dass neue Anforderungen zu erfüllen sind.

Da geht es zum Beispiel um das Thema LLMO. Es reicht nicht mehr, eine Website für Suchmaschinen zu optimieren, sondern man muss die Inhalte auch für verschiedene KI-Systeme optimieren, weil die Systeme unterschiedliche Anforderungen haben und das ist sehr komplex. Eine weitere neue Anforderung ist dann noch, dass das Suchverhalten und Informationsverhalten sich von Kundinnen und Kunden ganz grundlegend gerade verändert.

Daraus resultieren dann natürlich auch neue Aufgaben. Marketingstrategien müssen angepasst werden. Es müssen auch neue KPIs entwickelt werden, um die KI-Sichtbarkeit beispielsweise zu messen.

[Christian Ehlers] (4:02 - 4:12)
Dieses Thema mehr Output, weniger Wirkung klingt ja erstmal irgendwie widersprüchlich. Was glaubst du, woran liegt es, dass du mit mehr Inhalten jetzt nicht automatisch mehr bewirken kannst?

[Alina Lucretia Hensel] (4:12 - 5:06)
An den Menschen letztendlich, die die Werbung konsumieren sollen. Das heißt, die Contentmenge, die wir produzieren, wächst, aber nicht die Aufmerksamkeit der Menschen, die diesen Content verarbeiten sollen. Durch KI steigt die Menge von Inhalten und vor allen Dingen auch die Menge ähnlicher Inhalte massiv und viele Beiträge ähneln sich letztendlich in Sprache, Struktur und Aussagen.

Das heißt, KI kann aus einer Kampagne ganz schnell 20 Versionen erzeugen. Das heißt aber nicht, dass diese Versionen unbedingt relevanter sind und von den Zielgruppen wahrgenommen werden. Also je einfacher Inhalte mit KI erstellt werden können, desto wertvoller, würde ich sagen, werden echte Expertise, Erfahrung und authentische Inhalte.

Und solche Inhalte zu produzieren braucht eben immer noch Zeit und Menschen, die sich darum kümmern. Es geht also viel weniger um die Menge an Content, der produziert wird, als eher um die Qualität und letztendlich immer noch den Mehrwert für die Zielgruppe.

[Christian Ehlers] (5:06 - 5:15)
Genau, also Kundenorientierung, Nutzerorientierung noch stärker sozusagen in den Fokus zu bringen. Man könnte das vielleicht sagen so, ja, Qualität statt Quantität.

[Alina Lucretia Hensel] (5:16 - 5:21)
Qualität vor Quantität, würde ich sagen, aber Quantität spielt natürlich auch noch eine Rolle.

[Christian Ehlers] (5:22 - 5:33)
Was denkst du oder wie sind deine Erfahrungen, was passiert mit einem Team, das dauerhaft in so einem Reaktionsmodus arbeitet? Welche Entscheidungen leiden da zuerst?

[Alina Lucretia Hensel] (5:33 - 6:49)
Also im Reaktionsmodus ist es vor allen Dingen so, dass Prioritäten von Dringlichkeit bestimmt werden, anstelle von Wirkung. Das heißt, kurzfristige Anfragen verdrängen viel langfristige Strategien und man verliert den Überblick. Ich glaube, viele haben das Gefühl, dass sie permanent beschäftigt sind und gleichzeitig der Fortschritt ausbleibt.

Marketing ist ja oft ein Fass ohne Boden, man kann immer mehr machen und je mehr man macht, desto mehr hat es auch eine Wirkung im Prinzip. Gleichzeitig ist es total wichtig zu schauen, ob die Maßnahmen sinnvoll sind, die man umsetzt, weil die Aufmerksamkeit der Kunden, der Zielgruppen eben nicht mehr geworden ist und da die Balance zu finden, ist die Herausforderung. Das heißt, Teams im Reaktionsmodus, würde ich sagen, werden auch mit KI effizienter im Up arbeiten, aber es ist im Reaktionsmodus schwierig, strategische Zukunftsplanung anzugehen und sich wirklich zu überlegen, wo man hin möchte.

Vor allen Dingen fehlt im Reaktionsmodus auch häufig die Zeit, bestehende Kanäle und Maßnahmen kritisch zu hinterfragen. Wenn man erstmal einen Kanal etabliert hat, dann bespielt man den weiter und weiter und weiter, aber man muss sich fragen, ob Aufwand und Nutzen hier in einem angemessenen Verhältnis stehen.

[Christian Ehlers] (6:50 - 6:55)
Dafür gibt es ja Messmöglichkeiten. Kannst du da irgendwie sagen, dass sich da was verändert hat?

[Alina Lucretia Hensel] (6:55 - 7:44)
Ich würde sagen, dass Marketingmaßnahmen weiterhin schwierig zu messen sind. Es kommt viel auf den Kontext an. Im Online-Bereich ist natürlich viel messbar, aber im Offline-Bereich und gerade jetzt auch vor dem Hintergrund KI-Suche wird es immer schwieriger, die wirkliche Werbewirkung zu messen.

Bei uns ist es zum Beispiel so, dass wir, wenn wir Seminare verkaufen, auch die Herausforderung haben, dass die Entscheidung, die Kaufentscheidung gar nicht direkt im Anschluss an unsere Werbemaßnahme getroffen wird, sondern wenn ein Mitarbeiter ein bestimmtes Seminar buchen möchte, dann muss er es erst an die Führungskraft geben, die prüft das nochmal und vielleicht wird es dann von der HR-Abteilung gebucht.

Es ist dann superschwierig, auf die Werbung und die Wirkung zurückzuführen.

[Christian Ehlers] (7:44 - 7:55)
Nochmal zurückzukommen auf den Punkt Priorisierung. Jeder möchte das machen, jeder fordert das, aber am Ende zieht sie kaum jemand durch. Was hält denn Marketingverantwortliche davon ab, konsequent irgendwas wegzulassen?

[Alina Lucretia Hensel] (7:56 - 8:37)
Ich glaube, das sind die vielen unterschiedlichen Erwartungshaltungen, die an das Marketing bestehen. Letztendlich ist jeder irgendwie von Marketing betroffen und jeder denkt auch, dass er oder sie dabei mitreden kann, welche Werbung sinnvoll ist. Gegebenenfalls besteht auch ein politischer Druck, dass man bestehende Aktivitäten weiterführt, wenn man beispielsweise einen Kanal etabliert hat.

Ich glaube, man kann auch schnell das Gefühl haben, wenn man etwas beendet, dass man sich dann eingesteht, dass etwas nicht sinnvoll ist. Davon sollte man sich aber ein bisschen distanzieren und eher auf der Zeitschiene schauen, was ist jetzt wirklich sinnvoll in Bezug auf das Aufwand- und Nutzenverhältnis.

[Christian Ehlers] (8:37 - 8:59)
Wenn wir jetzt mal zurückkommen zu unserer Zielgruppe hier von dem Podcast. Unsere Hörer kommen ja aus B2B-Unternehmen. Das sind Mittelstandsunternehmen, Familienunternehmen, Hidden Champions.

Du kommst ja aus der Konzernwelt. Was glaubst du, was von eurer Priorisierung lässt sich auf unsere Hörer vielleicht übertragen und was glaubst du auch eher nicht?

[Alina Lucretia Hensel] (8:59 - 9:48)
Also ich glaube, die Herausforderung, dass es mehr Anforderungen und mehr Möglichkeiten gibt, als Ressourcen vorhanden sind, lässt sich auf jeden Fall übertragen. Und da ist dann ganz wichtig, sich immer wieder die Frage zu stellen, was machen wir bewusst nicht und die Fähigkeit zu entwickeln, auch Nein zu sagen. Der Status Quo muss regelmäßig infrage gestellt werden.

Und es geht vor allen Dingen nicht darum, ob etwas sinnvoll ist, ob etwas Nutzen bringt, sondern wie viel Nutzen es bringt im Verhältnis zum Aufwand. Und dann ganz wichtig ist auch noch, dass man sich immer wieder den Freiraum schafft für strategische Überlegungen und auch um Kompetenzen im Team aufzubauen, sodass die Mitarbeitenden über die entsprechenden Fähigkeiten auch verfügen, KI beispielsweise zu nutzen.

[Christian Ehlers] (9:48 - 10:15)
Wenn ich jetzt so ein kleines Marketing-Team vielleicht habe mit ein oder zwei Personen, vielleicht eine Leitung und einen Mitarbeiter, welche Zeiträume würdest du da empfehlen, zu sagen, wie oft muss ich meine Maßnahmen hinterfragen? Wie oft sollte ich regelmäßig gucken, was funktioniert? Ist das was Monatliches?

Ist das was Quartalsmäßiges, was Halbjährliches? Kannst du da irgendwie einen Tipp geben? Wie macht ihr das?

[Alina Lucretia Hensel] (10:15 - 10:35)
Also ich glaube, es kommt ganz auf den Gesamtkontext an, auch in welchem Umfeld das Unternehmen oder die Marketingverantwortlichen tätig sind, wie schnell das Geschäftsbusiness ist, würde ich sagen. Wir überprüfen unsere Prioritäten eigentlich kontinuierlich und auf übergreifender größerer Ebene zweimal im Jahr.

[Christian Ehlers] (10:36 - 10:49)
Was würdest du sagen, aus der Erfahrung der letzten anderthalb Jahre, welche Dinge sollte ich möglicherweise jetzt gerade dringend überprüfen und was sollte ich möglicherweise sofort aus meinem Marketingplan wieder streichen?

[Alina Lucretia Hensel] (10:49 - 11:09)
Also ich würde sagen, dass man alle bestehenden Kanäle einmal darauf überprüfen sollte, ob man die Zielgruppen noch erreicht und dann inhaltlich den Content überprüfen, ob der Content wirklich den größtmöglichen Mehrwert bringt und somit relevant für die Zielgruppe ist.

[Christian Ehlers] (11:09 - 11:37)
Du hast das vorhin schon mal anklingen lassen. Ich mache ja heutzutage nicht mehr nur noch Content für menschliche Nutzer, sondern ich habe ja eigentlich eine Zielgruppe mit KI dazubekommen. Also kannst du was zu der Erfahrung sagen, wie sich das unterscheidet?

Wie untersucht ihr das? Welche Maßnahmen habt ihr da getroffen, um eventuell die beiden Zielgruppen Mensch und KI unterschiedlich, aber doch erfolgreich anzusprechen?

[Alina Lucretia Hensel] (11:37 - 12:20)
Also meine Erfahrung ist, dass Suchmaschinen oder auch KIs letztendlich so lange besser werden, bis die Inhalte auch für Menschen wieder gut sind. Wir hatten das im SEO früher, dass man versucht hat, möglichst oft das gleiche Keyword in einen Text zu schreiben, damit er ein gutes Ranking hat. Aber die Suchmaschinen sind immer besser geworden und letztendlich haben dann die Inhalte am besten performt, die auch für Menschen am besten waren.

Und das ist auch das Ziel von KIs, dass sie schauen, wie können sie die Bedürfnisse des Nutzers erfüllen. Und deshalb würde ich immer den Mehrwert an erster Stelle stellen bei allen Maßnahmen.

[Christian Ehlers] (12:20 - 12:39)
Du siehst ja die Lösung weniger in den Werkzeugen als in den Menschen. Das hast du ja gerade auch noch mal gesagt. Du hast Anfang 2026 in einem Post geschrieben, die wichtigsten Future Skills sind digitale Kompetenzen, kritisches Hinterfragen, Problemlösen, Kreativität, Agilität und Resilienz.

Wie hängen da Fokus und Empowerment für dich zusammen?

[Alina Lucretia Hensel] (12:39 - 13:39)
Also Fokus ist ganz wichtig, um Orientierung zu schaffen, um klare Prioritäten zu setzen, um nicht immer wieder zwischen widersprüchlichen Anforderungen navigieren zu müssen. Man muss einen Fahrplan festlegen, eine Zielvision haben, auf die man sich ausrichten kann, damit man im Alltagsgeschäft nicht untergeht. Das ist auch ganz klar die Aufgabe von Führungskräften, wenn man von einem größeren Unternehmen spricht, Ziele und Prioritäten übergreifend festzulegen, sodass Marketingverantwortliche dann schauen können, wie sie ihre Marketingaktivitäten bestmöglich darauf ausrichten.

Empowerment ist dann die Handlungsfähigkeit im Prinzip. Die KI-Welt gerade ist sehr schnelllebig und komplex, was auch bedeutet, dass Führungskräfte nicht mehr alle Entscheidungen für Mitarbeiter treffen können. Mitarbeiter müssen ganz stark in die Eigenverantwortung gehen, damit sie das können, braucht es aber auch Entscheidungsspielräume, dass sie Entscheidungen treffen dürfen.

[Christian Ehlers] (13:39 - 13:42)
Wie würdest du sagen, wie kann man diese Kompetenzen entwickeln?

[Alina Lucretia Hensel] (13:42 - 14:13)
Also Empowerment kann man entwickeln, indem Gespräche zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden stattfinden und indem der Handlungsspielraum, Entscheidungsspielraum sukzessive immer erweitert wird. Ansonsten hat es viel auch mit fachlicher Kompetenz zu tun, dass die Mitarbeitenden sich das auch zutrauen, Entscheidungen zu treffen und in ihrem Bereich eben die Experten, Expertinnen sind, um sich sicher zu sein bei dem, was sie entscheiden.

[Christian Ehlers] (14:14 - 14:21)
Ich würde gerne in diesen Punkt nochmal tiefer reingehen, Alina. Wie kann das denn in der Praxis aussehen? Kannst du da Erfahrungen mitgeben?

[Alina Lucretia Hensel] (14:21 - 15:39)
Ja, ich kann gerne einmal ein Beispiel geben. Bei uns ist es zum Beispiel so, dass die Geschäftsführung und Teamleitung angefangen haben, dieses Thema Empowerment wirklich in der Unternehmenskultur zu verankern und da haben wir beispielsweise auf unserem jährlichen Akademietreffen in kleinen Gruppen ein Spiel gespielt. Das Spiel heißt Delegationspoker und da ging es dann darum, ich habe einen bestimmten Fall, eine Aufgabe und wie handele ich?

Ist das eine Aufgabe, die ich selbst löse und meine Führungskraft nicht informiere? Ist es eine Aufgabe, die ich selbst löse, aber meine Führungskraft informiere? Ist es etwas, was ich nicht selbst entscheide, sondern wo ich vorab meine Führungskraft frage und so weiter?

Und das haben wir in gemischten Teams gespielt. In meiner Runde war zum Beispiel auch unser Geschäftsführer und das war ganz spannend, wenn dann jeder seine Karte auf den Tisch gelegt hat, wie er mit dem Fall umgehen würde, wie viel Eigenverantwortung man selbst, aber auch der Geschäftsführer in dem Fall bei einem gesehen hat. Unser Geschäftsführer wollte kaum informiert werden oder mitentscheiden, sondern wirklich, dass die Mitarbeitenden die Verantwortung übernehmen und das war ganz spannend zu sehen.

[Christian Ehlers] (15:39 - 15:58)
Das ist ja eigentlich auch ein schönes Zeichen des Vertrauens und trifft ja eigentlich genau auch auf das zu, was du gerade gesagt hast. Ich muss die Mitarbeitenden enabeln, selber zu handeln, selber zu entscheiden und im Zweifel auch, da kommen wir vielleicht auch nochmal zu einem Punkt, ja auch Fehler zuzulassen. Das ist ja glaube ich auch ein Riesenthema.

[Alina Lucretia Hensel] (15:59 - 16:06)
Ja, also Fehler zuzulassen ist ganz wichtig, um zu lernen und sich dann eben auch zu verbessern.

[Christian Ehlers] (16:06 - 16:24)
Ich würde gerne nochmal einmal auf einen dieser Future Skills kommen und zwar auf die Resilienz. KI erhöht ja quasi täglich das Tempo, die Anforderungen steigen. Es gibt eine unfassbare Anzahl von Möglichkeiten.

Welche Rolle spielt da Resilienz, damit Teams langfristig wirksam bleiben?

[Alina Lucretia Hensel] (16:25 - 17:05)
Ja, Teams brauchen unbedingt die Fähigkeit, dass sie unter Druck bei Veränderungen und in unsicheren Situationen handlungsfähig sind. Resilienz hilft dabei, mit diesem permanenten Wandel den Marketing-Teams heutzutage begegnen, um damit umzugehen und stärkt auch die Fähigkeit, unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen. Wichtige Ressourcen, die Mitarbeiter brauchen, sind Konfliktfähigkeit, Problemlösefähigkeit und Selbstwirksamkeit.

Das heißt, eigentlich ist das Ziel, dass resiliente Teams den Zustand der ständigen Veränderung akzeptieren und sich aber flexibel daran anpassen, während sie den Fokus beibehalten.

[Christian Ehlers] (17:05 - 17:18)
Das klingt jetzt erstmal total sinnvoll. Wie kann das im täglichen Tun aussehen und wie kann ich das stärken bei meinen Mitarbeitern? Du hast schon Gespräche angesprochen.

Ist das der Schlüssel da auch?

[Alina Lucretia Hensel] (17:18 - 18:06)
Gespräche sind auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil davon. Insgesamt würde ich sagen, ist es ganz wichtig, die Ressourcen der Mitarbeitenden zu stärken und ihnen kontinuierliche Weiterentwicklungen zu ermöglichen. Das können zum einen Seminare und Training sein, aber es kann auch viel um informelles Lernen am Arbeitsplatz gehen, um den Austausch mit den Kollegen.

Was hilft dir in dieser Situation? Also es geht ganz viel darum, Herausforderungen anzunehmen. Herausforderungen, die auf einem angemessenen Niveau sind, sag ich mal.

Also man darf gerne außerhalb von der Komfortzone sein, aber noch nicht in der Panikzone. Und dadurch lernt man eben immer mehr und baut seine Ressourcen auf, sodass man auch mit Belastungen und Unsicherheiten besser umgehen kann.

[Christian Ehlers] (18:06 - 18:10)
Habt ihr da Formate, die ihr bei dir im Team nutzt?

[Alina Lucretia Hensel] (18:10 - 18:39)
Ja, also wir haben zum einen natürlich die Möglichkeit, unsere internen Weiterbildungen zu nutzen, wenn man bei den formalen Trainings angeboten ist. Zum anderen haben wir interne Austauschformate. Es gibt bei uns zum Beispiel einen KI-Tuning Friday, wo Mitarbeiter auch zum Lernen zusammenkommen und ansonsten mit verschiedenen Themenschwerpunkten immer mal wieder so eine Art Lerncircle, würde ich sagen.

Also wenn wir zum Beispiel ein neues Tool einführen.

[Christian Ehlers] (18:39 - 19:14)
Wenn wir jetzt mal schon anfangen, so ein bisschen unser Gespräch zusammenzufassen, würde ich sagen, das Wichtigste ist sozusagen, ein Stück weit bei sich zu bleiben, also den Fokus nicht zu verlieren, die Relevanz aller seiner Maßnahmen stetig zu überprüfen, ja auch externen Input von allen möglichen Stakeholdern zuzulassen. Hast du ja schon gesagt, Marketing, da möchte eigentlich immer jeder irgendwie mitsprechen. Was glaubst du, wenn du jetzt mal noch ein Jahr in die Zukunft schaust, was werden jetzt die wichtigsten Punkte sein, die man im Marketing in dieser ganzen Gemengelage auf dem Zettel haben muss?

[Alina Lucretia Hensel] (19:14 - 19:57)
Also ich glaube, für die Marketing-Teams ist es am wichtigsten, dass sie nicht nur To-Do-Listen, sondern auch Stop-Doing-Listen erstellen, dass sie Themen aktiv abwählen und ansonsten ist es wirklich das Thema Fokus. Uns hilft da zum Beispiel in der Praxis auch die Frage, was müssten wir tun, um Kunden zu verlieren oder auch um keine neuen zu gewinnen. Und diese Frage hilft total, um den Fokus auf das Wesentliche zurückzulenken und herauszufinden, was ist wirklich wichtig und was kann man eben weglassen.

Weil alles, was man hier bei dieser Frage nicht nennt, das ist das, was auf dem Prüfstand steht und was man gegebenenfalls weglassen kann.

[Christian Ehlers] (19:58 - 20:11)
Wenn ich mich jetzt noch mal in die Rolle unseres Zuhörers zurückversetze, wenn ich jetzt sage, okay, ich habe mir jetzt diesen Podcast angehört, was sind jetzt die zwei, drei Sachen, die ich mit meinem Team am Montag direkt angehen sollte?

[Alina Lucretia Hensel] (20:11 - 20:33)
Also ich würde eine Stop-Doing-Liste erstellen. Das wäre der erste Schritt. Und ansonsten, dass die Mitarbeitenden sich aktiv Zeitblocker setzen in ihre Kalender, um sich den Freiraum zu schaffen, um Themen zu fragen, um zu reflektieren und auch um selbst neue Kompetenzen aufzubauen und Zeit zum Lernen zu haben.

[Christian Ehlers] (20:33 - 20:40)
Herzlichen Dank, Alina. Gibt es jetzt noch irgendwas, wo du sagst, das möchte ich unbedingt noch teilen, das ist irgendwie in unserem Gespräch zu kurz gekommen?

[Alina Lucretia Hensel] (20:41 - 20:48)
Ich würde vielleicht noch mal auf die Frage zurückkommen, was sich auf den Mittelstand übertragen lässt. Ich glaube, da habe ich vorhin gar nicht gesagt, was sich nicht übertragen lässt.

[Christian Ehlers] (20:48 - 20:49)
Gerne.

[Alina Lucretia Hensel] (20:50 - 21:24)
Also im Konzern ist es oft so, dass es natürlich viele Regularien gibt und dass Ideen und Tools erstmal geprüft werden müssen, bevor etwas getestet oder umgesetzt werden kann. Gerade bei TÜV Nord haben wir sehr hohe Sicherheitsstandards und können nicht jedes Tool ausprobieren. Und ich glaube, das ist ein ganz wesentlicher Vorteil für den Mittelstand, dass der Mittelstand deutlich flexibler ist, weniger Abstimmungsschleifen hat und schneller Tools testen kann.

Da sehe ich einen klaren Vorteil.

[Christian Ehlers] (21:25 - 22:13)
Ja, das ist sicher der Fall. Wobei ich auch aus meinem täglichen Tun mit Kunden sagen kann, auch da gibt es natürlich Datenschutzdinge, die sowas immer wieder einschränken. Aber du hast vollkommen recht, da ist es mit Sicherheit noch mal leichter, zum IT-Leiter zu gehen und zu sagen, hier können wir das mal ausprobieren.

Gut, ja, danke dafür nochmal. Danke auch für den restlichen Input. Wenn du jetzt sagst, das ist für dich rund, da möchte ich jetzt nichts mehr hinzufügen.

Bleibt mir nur noch mal zu sagen, danke für deine Zeit, für das Gespräch, für deinen Input, für unsere Zuschauer. Ich hoffe, ihr konntet was mitnehmen und wir freuen uns auf die nächste Folge. Wenn ihr Themen habt, Themenvorschläge, wenn ihr auch gerne mal in diesem Podcast mit einem Thema dabei sein wollt, schreibt mich gerne bei LinkedIn an.

Dann wünsche ich euch noch einen schönen Tag und bis zum nächsten Mal.
 

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